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Stille Nacht

Auch in diesem Jahr vergeht wohl keine Christmette, kein Weihnachtsgottesdienst, ohne dass das weltberühmte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen wird. „Die Leute wollen es eben“, wird denen geantwortet, die sich mit der Verkitschung und Verniedlichung der Weihnachtsbotschaft nicht abfinden wollen. Denn mit vollem Bewusstsein kann man als Christ heute den Text von Joseph Mohr wohl nicht mehr singen. Es müsste den Menschen im Magen flau werden. Wenn es im Advent heißt „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, kann man — wenn die Ankunft dann endlich geschehen ist — doch nicht vor der Krippe singen: Schlaf‘ in himmlischer Ruh.“

Da ist es geradezu ein Glücksfall, dass wir auf diesen für unsere Zeit unseligen Text nicht mehr angewiesen sind. Die Schweizer Benediktinerin Silja Walter hat auf die Melodie von Franz Gruber eine Fassung geschrieben, die bei klarem Verstand sehr gut in der Weihnachts-Liturgie gesungen werden könnte:

Stille Nacht, heilige Nacht / Hirten dort halten Wacht. / Singt vom Himmel ein herrliches Lied, / Engel künden: O fürchtet euch nicht. / Christ der Retter ist da, Christ der Retter ist da. // Stille Nacht, heilige Nacht, / Gott hat sich klein gemacht,. / Liegt als Kindlein im nächtlichen Stall, / hat erschaffen die Welt und das All. / Kommt, wir beten ihn an, kommt, wir beten ihn an. // Stille Nacht, heilige Nacht / Liebe hat Heil gebracht / Kommt vom Himmel im göttlichen Wort, / nun wird Erde zum himmlischen Ort, / Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.“

Derzeit wird das neue Gesangbuch „Gotteslob“ für den deutschsprachigen Raum vorbereitet. Die Anregung, die Überarbeitung zu nutzen und den Text von Mohr durch den von Silja Walter zu ersetzen, wurde zwar mit einem freundlichen Brief von Bischof Friedhelm Hofmann beantwortet. Ob die Kommission für das neue Gebet– und Gesangbuch allerdings mutig genug ist, diese Neuerung gegen manchen volkstümlichen Wunsch schließlich durchzusetzen, erscheint eher unwahrscheinlich. Bereits in den fünfziger Jahren hatte der Religionspädagoge Alfred Läpple — ohne nennenswerte Folge —auf diesen Missstand hingewiesen: „Es hat sich in der christlichen Verkündigung etwas Schreckliches ereignet: Aus der Geschichte des Kindes ist eine Kindergeschichte geworden.... Das Heilsereignis der Menschwerdung des Gottessohnes hat man zu einem Krippenidyll herabgewürdigt: ‚..... holder Knabe im lockigen Haar‘“. Es bedarf einer mutigen und zugleich pastoral klugen, verantwortungsbewussten und langsam voranschreitenden Verkündigung, um das Heilsmysterium der Heiligen Nacht von den vielen, wenn auch gutgemeinten Übermalungen und Verkitschungen zu befreien und schließlich wieder auf den originalen Grund der biblischen Heilsbotschaft zu gelangen.

von Heinrich Wiesemann

 
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